WHO-Empfehlungen
  2. Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Geburtshilfe (1985)
 


Die WHO stellt fest, daß diese Empfehlungen für perinatale Einrichtungen weltweit anwendbar sind.
Jede Frau hat das Recht auf die richtige perinatale Betreuung, auf Mitentscheidung bei der Planung, Ausführung und auf Kritik der Betreuung.
Neben der medizinischen Versorgung sollten soziale Bedingungen, sowie emotionale und psychologische Faktoren viel stärker beachtet werden.
Um die folgenden Empfehlungen in die Tat umzusetzen, ist nicht nur eine totale Änderung der Struktur der Gesundheitseinrichtungen notwendig, sondern auch eine Änderung der Verhaltensweisen aller Personen, die darin tätig sind, und einer Neuverteilung der menschlichen und physischen Mittel erforderlich.

Aus: ©"The Lancet" vom 24. August 1985. Die Übersetzung ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) autorisiert.

    Allgemeine Empfehlungen:
  • Die Gesundheitsministerien sollten besondere Strategien bezüglich der "bedarfsgerechten Geburtstechnologie" für die öffentlichen und privaten Gesundheitseinrichtungen festsetzen.

  • Länder sollten gemeinsame Forschung betreiben, um Gesundheitsbetreuungseinrichtungen auszuwerten.

  • Die Allgemeinheit sollte über die verschiedenen Vorgänge bei der Geburtsbetreuung informiert sein, damit es jeder Frau möglich ist, jene Art der Berteuung zu wählen, die sie möchte.

  • Die Mutter und ihre Familie sollte ermutigt werden, in der Perinatalzeit, also während der Schwangerschaft, der Geburt und der Zeit danach, für sich selbst zu sorgen, und Verständnis zu entwickeln, wann welche Hilfe notwendig ist, um die Bedingungen während der Schwangerschaft, der Geburt und danach zu verbessern.

  • Frauenselbsthilfegruppen bieten wertvolle soziale Hilfe und eine einzigartige Gelegenheit, Information über Geburt auszutauschen.

  • Jedes Team muß einheitliche Richtlinien erarbeiten, um Kontinuität bei der Überwachung einer Geburt zu gewährleisten. Das Perinatalteam sollte eine gemeinsame Arbeitsphilosophie haben, damit Personalwechsel nicht die Kontinuität der Betreuung gefährden.

  • Informelle Perinatalbetreuungssysteme (einschließlich traditioneller Geburtsbegleiter) müssen neben den offiziellen existieren. Zusammenarbeit muß zum Nutzen der Mutter erhalten werden. Solche Beziehungen können, parallel geführt, höchst effizient sein.

  • Die Berufsausbildung sollte neues Wissen über soziale, kulturelle und anthropologische Aspekte der Geburt vermitteln.

  • Perinatalbetreuer sollten gemeinschaftlich motiviert werden, Beziehungen zwischen Mutter, Kind und Familie zu vertiefen. Die Arbeit dieses Teams kann durch interdisziplinäre Konflikte beeinträchtigt werden, die systematisch erforscht werden sollten.

  • Die Ausbildung in den Gesundheitsberufen sollte Kommunikationstraining beinhalten, um einen einfühlsamen Kontakt unter den Betreuern, mit der Schwangeren und ihrer Familie zu fördern.

  • Die Ausbildung der Geburtsbetreuer sollte intensiviert werden. Die Betreuung der normalen Schwangerschaft, der Geburt und der Zeit danach sollte die Aufgabe dieses Berufes sein.

  • Die Bewertung der Technologie sollte alle einbeziehen, die mit ihr arbeiten, sowie Epidemiologen, Sozialwissenschaftler, Gesundheitsbehörden und die Frauen, an denen sie angewandt wird.

  • Informationen über die Art der Geburtshilfe in den verschiedenen Krankenhäusern (z.B. die Anzahl der Kaiserschnitte) sollten für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

  • Erforschung der Strukturen und die Zahl der Betreuer, die bei einer Geburt anwesend sind, sollte auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene stattfinden, beinhaltend den entsprechenden Zugang zu primärer Perinatalbetreuung und größtmöglichem normalen Geburtsausgang und Verbesserung der perinatalen Gesundheit, der Kosteneffektivität und die Bedürfnissse und Wünsche der Allgemeinheit.


  • Spezielle Empfehlungen:
  • Das Wohlbefinden der neuen Mutter muß durch freien Zutritt eines ausgewählten Mitglieds der Familie während der Geburt und des Wochenbettes gesichert sein. Zusätzlich muß das Betreuungsteam emotionale Unterstützung bieten.

  • Frauen, die in einer Institution gebären, müssen das Recht behalten, die Bekleidung (ihre eigene und die des Babys), Essen, die Entsorgung der Plazenta und andere kulturell wichtige Praktiken zu bestimmen.

  • Das gesunde Neugeboren muß, wann immer möglich, bei der Mutter bleiben. Die Beobachtung des gesunden Neugeborenen rechtfertigt nicht die Trennung von der Mutter.

  • Sofortige Brustfütterung sollte gefördert werden, sogar noch bevor die Mutter den Gebärraum verläßt.

  • Länder mit den niedrigtsen Raten perinataler Mortalität haben Kaiserschnittraten von weniger als zehn Prozent. Es gibt keine Rechtfertigung für eine Region, Raten höher als zehn bis fünfzehn Prozent zu haben.

  • Es gibt keinen Hinweis darauf, daß nach einer vorhergegangenen Kaiserschnittentbindung bei einer neuerlichen Schwangerschaft wieder ein Kaiserschnitt notwendig ist. Die vaginale Entbindung nach Kaiserschnitt sollte dort angestrebt werden, wo die Einrichtungen für Notfallchirurgie vorhanden sind.

  • Die Unterbindung der Eileiter ist kein Grund für einen Kaiserschnitt. Es gibt einfachere und sicherere Methoden der Tubensterilisation.

  • Es gibt keinen Hinweis darauf, daß die elektronische Routineüberwachung des Föten positiven Einfluß auf das Geburtergebnis hat. Die elektronische Überwachung sollte nur in sorgfältig ausgewählten Fällen, die mit hohen perinatalen Mortalitätsraten verbunden sind, angewandt werden. Forschungen sollten zur Auswahl jener Frauen angestellt werden, die von der elektronischen Überwachung profitieren könnten. In der Zwischenzeit sollten die nationalen Gesundheitsbehörden vom Kauf neuer Apparate Abstand nehmen.

  • Es wird empfohlen, die fötale Herzfrequenz während der Eröffnungsperiode durch Auskultation (Abhören der Herztöne des Kindes mithilfe eines Holzstethoskopes) und genauso während der Austreibung, nur häufiger, zu überwachen.

  • Es gibt weder einen Grund zur Rasur der Schambehaarung noch zu einem Einlauf vor der Geburt.

  • Es wird nicht empfohlen, die schwangere Frau während der Wehen in Steinschnittlagerung zu bringen. Herumgehen während der Wehen sollte gefördert werden. Jede Frau muß frei entscheiden können, welche Position sie während der Geburt einnehmen möchte.

  • Der Damm sollte, wann immer möglich, geschützt werden. Die systematische Anwendung des Scheidendammschnittes ist nicht gerechtfertigt.

  • Die künstliche Einleitung der Wehen sollte besonderen medizinischen Gründen vorbehalten sein. Keine Region sollte Einleitungsraten von mehr als zehn Prozent haben.

  • Die Routineverabreichung schmerzstillender oder betäubender Medikamente während der Geburt (es sie denn, sie sind zur Behandlung oder Verhütung einer Komplikation notwendig) sollte vermieden werden.

  • Die frühzeitige Eröffnung der Fruchtblase als Routinemaßnahme ist nicht gerechtfertigt.

  • Weitere Untersuchungen sollten das Minimum an erforderlicher Spezialkleidung herausfinden, das Besucher der Gebärenden und des Neugeborenen zu benützen haben.


  • Folgerungen aus den Empfehlungen:
  • Die obigen Empfehlungen anerkennen Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen und Ländern. Folgerungen müssen an die jeweiligen Bedingungen angepaßt werden.

  • Die Regierungen sollten Abteilungen bestimmen, die die Beurteilung "Bedarfsgerechter Geburtstechnologie" koordinieren.

  • Universitäten, wissenschaftliche Gesellschaften und Forschungsgruppen sollten alle an der Technologiebewertung teilnehmen. - Finanzielle Regelungen sollten den undifferenzierten Einsatz der Technologien verhindern.

  • Geburtshilfe, die die technikorientierte Geburt kritisiert und die emotionalen, psychischen und sozialen Aspekte der Geburt berücksichtigt, sollte gefördert werden.

  • Regierungsbehörden, Universitäten, wissenschaftlichen Gesellschaften und anderen interessierten Gruppen sollte es ermöglicht werden, den ausgiebigen und ungerechtfertigten Einsatz des Kaiserschnittes zu beeinflussen, indem sie die negativen Auswirkungen auf Mutter und Kind aufdecken und veröffentlichen.

  • WHO und PAHO sollten ein Netz von solchen Bewertungsgruppen aufbauen helfen, um Länder bei der Übernahme neuer Wege zu unterstützen, die in fortgeschritteneren Ländern entwickelt worden sind. Dieses Netzwerk würde andererseits auch einen Zentralpunkt zur Informationsweitergabe darstellen.

  • Die Ergebnisse verschiedener Technologiebewertung sollten weitergegeben werden, um das Verhalten des professionellen Personals und die Einstellung der Öffentlichkeit entsprechend zu verändern.

  • Regierungen sollten die Einführung von Bestimmungen in Erwägung ziehen, die die Einführung neuer Methoden bei der Geburt nur nach entsprechenden Untersuchungen erlauben.

  • Es sollten nationale und regionale Konferenzen über Geburt geschaffen werden, Gesundheitsanbieter, Gesundheitsbehörden, Benützer, Frauengruppen und die Medien einzubeziehen.

  • WHO und PAHO sollten ein Jahr proklamieren, dessen Anliegen die Förderung einer besseren Geburt ist.

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